Der Abschied vom idealen Bewegungsmuster?

Der Abschied vom idealen Bewegungsmuster?

Die Kapazität des menschlichen Körpers, sich an vielfältige und wechselnde Umweltbedingungen anzupassen, ist seit langem bekannt. Tatsächlich war es diese Adaptationsfähigkeit in genetischer, physiologischer und psychologischer Hinsicht, die uns als Spezies überleben ließ und lässt.

Was hat das mit Bewegung und Therapie zu tun, werdet ihr vielleicht fragen?

Genau diese adaptiven Mechanismen sind es auch, die uns vor Schmerzen und Verletzungen schützten.

Motorische Anpassungsfähigkeit hat mit motorischer Variabilität zu tun. Wir passen uns an neue „Drucksituationen“, wie sie z.B. durch eine Verletzung und der dadurch veränderten Biomechanik entstehen, dadurch an, dass wir neue Bewegungsstrategien entwickeln. Bei akuten Schmerzen zeigen Menschen anfänglich eine höhere motorische Variabilität (Bergin 2016), die biologisch Sinn macht: Sie ermöglicht uns, ein Repertoire optimaler Bewegungsstrategien unter veränderten Bedingungen zu entwickeln.

Glasgow (2014), „British Journal of Sports Medicine“ haben dieses Konzept in einem interessanten Essay auf die Prävention und Therapie von Sportverletzungen und andere orthopädische Probleme übertragen (Folie 1)

Wir als Therapeuten arbeiten häufig unter dem Paradigma, dass es eine ideale, „richtige“ Bewegung, eine optimales Alignment gibt, und Abweichungen von diesen Idealtypen zu einer Pathologie führen. Wer würde bei einem Patienten mit „medialem Kollaps“ am Knie nicht „korrigierend eingreifen“?

Dabei gerät diese Vorstellung einer „richtigen“ Bewegung, die für jeden Menschen gleich aussieht, immer mehr „unter Beschuss“! (Davids 2003).

Neue Studien zeigen gerade bei Menschen mit persistierenden Schmerzen eine zu geringe motorische Variabilität. Sie bewegen sich häufig steif, protektiv und wenig kreativ (Folie 2). Die Fähigkeit, mit einem großen Bewegungs-Repertoire auf sich ständig wechselnde Umweltbedingungen reagieren zu können, ist hier reduziert. Der biologisch sinnvolle mechanische Belastungswechsel (einmal wird dieses Gelenkareal, jener Muskel stärker belastet, dann ein Anderer) geht verloren (Übersicht in Hodges et al 2015)

Diese mangelnde Anpassungsfähigkeit hat weitreichende Folgen: Mehr Schmerz, höhere Verletzungsgefahr.

Unser Ziel in der Therapie sollte also weniger darin bestehen, ein idealtypisches Bewegungsmuster zu trainieren, sondern ein robustes und motorisch variables Bewegungssystem zu fördern, dass in der Lage ist, sich an vielfältige dynamische Stimuli anzupassen.

Würdet wir also eine Valgusstellung am Kniegelenk beim Squat korrigieren, wenn sie schmerzfrei ist?

Schon, um die motorische Kompetenz und Variabilität zu steigern. Aber nicht, um die „richtige Bewegung“ zu trainieren!! Und so würden wir es auch kommunizieren.

Es gibt keine „richtigen“ und „falschen“ Bewegungen, höchstens zu wenig Variabilität und motorische Kompetenz.

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