Behandlung des Tractus-Syndroms: Was wenn der Tractus gar nicht steif ist?

Behandlung des Tractus-Syndroms: Was wenn der Tractus gar nicht steif ist?

Behandlung des Tractus-Syndroms: Was wenn der Tractus gar nicht steif ist?

Hintergründe

In typischen Fällen eines iliotibialen Bandsyndroms (ITBS) liegt der Schmerz über der lateralen Gelenklinie in der Nähe des lateralen Femurepikondylus. Er tritt als Reaktion auf exzessive  körperliche Aktivität auf, die eine zyklische Bewegung der unteren Extremität mit sich bringt, wie z.B. Laufen oder Radfahren.

Wurde früher die Friktion eines mobilen iliotibialen Bandes über den lateralen Femurkondylus (besonders bei 30° Flex.) verantwortlich gemacht, so geht man heute eher von einem Impingement von subtendinösem Gewebe infolge eines dynamischen Valgus aufgrund neuromuskulärer Faktoren (ohne Friktion) aus.1-5

Oft vermuten Therapeuten zudem eine erhöhte Steifigkeit des Tractus bei einem ITB-Syndrom und versuchen daher mit Detonisierung und Foam-Rolling Abhilfe zu schaffen.

Aber was ist dran an dieser Theorie?

 

Die Frage, ob der Tractus tatsächlich steif ist und ob eine  Therapiemaßnahme mit aktiven Trainingselementen und myofaszialen Techniken diese Steifigkeit reduzieren kann, ist momentan nicht beantwortet und stand im Mittelpunkt einer aktuellen Studie.6

 

Probanden (18-45 Jahre)

  • 14 Probanden mit ITB-Syndrom (klinische Untersuchung, des ITB bzw. Ödem über dem lateralen Femurkondylus im MRT, Interventionsgruppe). Alles Hobby-Läufer mit Trainingsvolumen mindestens 20km/Woche vor dem Auftreten der Probleme.
  • 14 gesunde Probanden (Kontrollgruppe) >500min Aktivität in der Woche.

 

Interventionen

Für die Zeit der Intervention sollte das reguläre Lauftraining eingestellt werden.

2 Einheiten je Woche für 6 Wochen unter Supervision von Physiotherapeuten bestehend aus Hands-on und Training. Zusätzlich1 Einheit Krafttraining zuhause je Woche für 6 Wochen. Tägliches Dehnen (2×60 sec.) und Einsatz der Faszien-Rolle (3x 60 sec., 4-6x/Minute). Vgl. nächste Slide

Outcome: Ultraschall-Elastographie (SWE) zur Bestimmung der ITB-Gewebesteigikeit , VAS-Schmerz, Kraft der Hüftmuskulatur (Hüftabd., -add, -iro, -aro), Schmerz (VAS) und Funktion (Lower Extremity Function Scale, LEFS)

 

Phasenspezifische Therapieinhalte

Ergebnisse

  • Die ITB-Steifigkeit war auf der betroffenen Seite der Probanden gegenüber der Kontrollgruppe bzw. der nichtbetroffenen Seite NICHT erhöht.
  • Eine 6-wöchige Therapie hatte KEINE detonisierende Wirkung, sondern ERHÖHTE die ITB-Steifigkeit um ~14%, während sich bei den Teilnehmern gleichzeitig eine signifikante Verbesserung des Schmerzniveaus (-78% beim Laufen, s. re. unten) und der Funktion der unteren Extremitäten einstellte.
  • Die Ergebnisse zeigten weiterhin eine signifikante Hüftmuskelschwäche (Abd., Add., Iro. und Aro.) bei ITB-Probanden (ca. 25%), die während der 6-wöchigen Therapie nicht vollständig korrigiert werden konnte.
  • VAS für Schmerz (0-100) in Ruhe: Von 12,86 ± 14,40 (prä) auf 4,21 ± 7,47 (post)
  • VAS beim Laufen: Von 78,29 ± 14,61 (prä) auf 16,86 ± 24,20 (post)
  • Limitierung: Kontrollgruppe war etwa 5 Jahre jünger als Interventionsgruppe. Durch Messfehler der SWE könnten kleinere Unterschiede nicht entdeckt worden sein.

 

Fazit6

Die ITB-Steifigkeit ist bei Läufern mit ITB-Syndrom nicht erhöht. Die Stiffness des Tensor fasciae
latae, der das ITB spannt, war sogar in der Kontrollgruppe signifikant höher.

Diese Ergebnisse sprechen gegen eine exzessive Spannung des ITB als Grund für ein ITB-Syndrom und gegen die Anwendung detonisierender Maßnahmen.

 

Weiterführende Beiträge:

https://physiomeetsscience.com/iliotibiales-bandsyndrom-tractus-iliotibialis-syndrom-bei-laeufern-wie-diagnostizieren-und-behandeln/

 

Quellen

  1. Geisler, P. R., & Lazenby, T. (2017). Iliotibial Band Impingement Syndrome: An Evidence-Informed Clinical Paradigm Change. International Journal of Athletic Therapy and Training, 22(3), 1-11.
  2. Fairclough J, Hayashi, Koji, Toumi, Hechmi, Lyons K, et al. The functional anatomy of the iliotibial band during flexion and extension of the knee: implications for understanding iliotibial band syndrome. Journal of Anatomy. 2006;208(3):309-316.
  3.  Flato R, Passanante GJ, Skalski MR, Patel DB, White EA, Matcuk GR. The iliotibial tract: imaging, anatomy, injuries, and other pathology. Skeletal Radiol. 2017;46(5):605-622. doi:10.1007/s00256-017-2604-y.
  4. Ferber R, Noehren B, Hamill J, Davis I. Competitive Female Runners With a History of Iliotibial Band Syndrome Demonstrate Atypical Hip and Knee Kinematics. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy. 2010;40(2):52-58
  5. Tateuchi H, Shiratori S, Ichihashi N. The effect of three-dimensional postural change on shear elastic modulus of the iliotibial band. J Electromyogr Kinesiol. 2016;28:137-142. doi:10.1016/j.jelekin.2016.04.006.
  6. Friede, M. C., Klauser, A., Fink, C., & Csapo, R. (2020). Stiffness of the iliotibial band and associated muscles in runner’s knee: Assessing the effects of physiotherapy through ultrasound shear wave elastography. Physical Therapy in Sport.
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