Bildgebung versus Schmerz

Bildgebung versus Schmerz

Unterer Rücken

Im Alter von 60 Jahren hatten 88% der asymptomatischen Probanden degenerierte Bandscheiben, 50% Facettendegeneration und 23% Spondylolisthesen, ohne eine einheitliche Assoziation dieser Befunde mit Schmerzen festzustellen. (Herlin et al. 2018, Brinjikji et al. 2015)

 

Bei 40-jährigen asymptomatischen Männern und Frauen werden in 25-50 Prozent der Fälle Bandscheibendegeneration, Endplattenveränderungen, Foramenstenosen und Facettengelenksdegenerationen in der Bildgebung beschrieben. (Kjear et al. 2005)

 

Die MRTs der Lendenwirbelsäule von 98 schmerzfreien Spitzen-Junioren-Tennisspielern (Durchschnittsalter, 18 Jahre) zeigten bei 94 von ihnen Anomalien. Bei 62,2% wurde eine Bandscheibendegeneration und bei 30,6% ein Bandscheibenvorfall festgestellt. (Rajeswaran et al. 2014)

 

Unter asymptomatischen Spitzentennisspielerin hatten 33 % ein Spondylolisthesis im Scan, mit mehreren Pars-Frakturen, Stressfrakturen usw., und das alles ohne Schmerzen. (Alyas et al. 2007)

 

MRT-Befunde in der Basislinie, wie Diskusdegenerationen (Pfirrmann grading ≥4, Bandscheibenvorwölbungen, Hochintensive Zonen (HIZ), Spondylolisthesen, Modic Changes stehen über einen Zeitraum von 10 Jahren nicht mit Rückenschmerzen in Zusammenhang. Gleiches gilt für eine Verschlechterung dieser Befunde in der Bildgebung. (Tonosu et al. 2017).

 

Wenn ein MRT innerhalb von 12 Wochen nach dem erstmaligen Auftreten von Rückenschmerzen durchgeführt wird, ist es sehr unwahrscheinlich, eine neue strukturelle Veränderung zu entdecken. In 84% der Fälle zeigen sich die bildgebenden Befunde unverändert oder verbessert. (Carragee et al. 2006)

 

Nacken

Bei Menschen mit einer signifikanten Degeneration der HWS geben nur 10 Prozent Schmerzen an. (Okada et al. 2011)

 

Neunzig Prozent der asymptomatischen Menschen, die sich einer zervikalen MRT-Untersuchung unterziehen, haben eine Bandscheibenvorwölbung (auch Menschen Anfang 20). (Nakashima et al. 2015)

 

Ein systematischer Review zum Vergleich von MRT-Veränderungen bei Nackenschmerzpatienten in Relation zu beschwerdefreien Menschen zeigt keine Unterschiede bzgl. Bandscheibenprotrusionen, Modic Degeneration, Fettinfiltration der Muskulatur, Querschnitt der HWS Muskulatur, Dicke der Bänder der HWS, Facettengelenke etc . (Farrell et al. 2019)

 

Mit Ausnahme einer Foramenstenose und Fett-infiltrationen der zervikalen Extensoren nach einem Schleudertrauma scheinen MRT-Befunde über einen Zeitraum von 10 Jahren nicht prädiktiv für die Entstehung von Nackenschmerzen zu sein (Hill et al. 2018). Zwei Studien zeigten einen erstaunlichen Zusammenhang: Patienten nach Schleudertrauma mit stärkerer Bandscheiben-degeneration bzw. Bandscheibenvorwölbung in der Basislinie hatten ein REDUZIERTES Risiko für Nackenschmerzen nach einem Jahr (RR:0,59, Kongsted et al 2008) bzw. eine geringere Schmerzintensität nach 1 und 5 Jahren (MD: -1,83-2,88, Jonsson et al 1994).

 

Schultergelenk 

Jeder Dritte über 30 Jahre und zwei von drei über 70 Jahren haben anormale MRT-Befunde im Zusammenhang mit ihrer Schulter, z.B. komplette Rotatorenmanschettenrisse. (Sher et al. 1995, Reilly et al. 2006, Milgrom et al. 1995)

 

Nach erfolgreicher Rotatorenmanschettenoperation und postoperativer Rehabilitation, um den vollen Umfang an Bewegung, Kraft und Funktion wiederzuerlangen, zeigen 90 Prozent der MRT-Berichte der Patienten „anormale Befunde“ und 20 Prozent zeigen immer noch eine komplette Rotatorenmanschettenruptur. (Spielmann et al. 1999)

 

Eine Studie bei professionelle Baseball- Pitchern dokumentiert, dass 40% von ihnen entweder Teil- oder Komplettrisse der RM aufweisen, ohne Schmerzen zu haben. Dies änderte sich auch nach einer erneuten Untersuchung 5 Jahre später nicht. (Connor et al. 2003)

 

Barreto et al. (2019) beschreiben bei 123 Personen im Alter von 18 -77 Jahren vergleichbare MRT-Befunde an beiden Schultern (mit Ausnahme von Totalrupturen der Rotatorenmanschette und Arthrose des Glenohumeralgelenks), obwohl bei all diesen Probanden nur EINE Schulter schmerzhaft war.

 

Trotz eines Anstiegs der Bildgebung bei Schulterproblemen bleibt die Beziehung von bildgebenden Befunden zu Symptomen und ihre Rolle für die Behandlung weiter unklar. Pathologien wie Rotatoren-manschettenrupturen, subacromiale Bursa-Pathologien, Tendinopathien, Verkalkungen, Acromion-Pathologien stehen nach den Ergebnissen eines Reviews von Tran et al (2018) in einem unklaren Zusammenhang zu klinischen Symptomen.

 

  Hüftgelenk

Die MRTs von asymptomatischen Menschen weisen in 73 Prozent der Fälle an der Hüfte Abnormalitäten und in 69 Prozent der Fälle einen Labrumriss auf. (Register et al. 2012)

 

Hüft-MRT-Studien zeigen, dass femoroacetabuläre Impingements und labrale Verletzungen bei asymptomatischen Menschen häufig sind. (Frank et al. 2015)

 

Bei Hockeyspielern ohne Hüftschmerzen zeigen zwei von drei Scans signifikante degenerative Veränderungen. (Silvis et al. 2011)

 

Nur 20-24% derer, die im MRT eine Hüftgelenksarthrose aufweisen, leiden tatsächlich häufiger unter Gelenk-beschwerden. Unter denen, die häufiger über Schmerzen an der Hüfte klagen, lässt sich nur in 10-15% der Fälle eine Arthrose nachweisen. (Kim et al. 2015)

 

 Kniegelenk

Bei asymptomatischen Personen zeigen 25-50 Prozent der MRTs signifikante „degenerative“ Veränderungen und verdeutlichen die schlechte Korrelation zwischen Kniearthrose, Schmerzen und Behinderung. (Munk et al.2004, Bedson & Croft 2008)

 

Bei aktiven Basketballspielern ohne Knieschmerzen weisen 35 Prozent der MRT-Aufnahmen signifikante Anomalien auf. (Major & Helms 2002)

 

Nach einem Review von Culvenor et al (2018) zeigen bis zu 43% der beschwerdefreien Erwachsenen über 40 Jahre im MRT Anzeichen einer Arthrose am Kniegelenk wie Knorpelschäden, Meniskusrisse, Knochenmarksödeme und Osteophyten.

 

Auch Guermazi et al. (2012) beschreiben in einer großangelegten Arthrose-Studie keine signifikanten Unterschiede im Auftreten von MRT-Veränderungen bei Menschen mit bzw. ohne Schmerz, wie Osteophyten, Knorpel-schäden, Knochenmarksläsionen, Synovitis, subchondrale Zysten, Meniskusläsionen, ligamentäre Läsionen.

 

Disclaimer:

Dieser Ergebnisse bedeuten keinesfalls, dass pathoanatomische Faktoren und Befund für Schmerz irrelevant sind.

Andere Studienergebnisse bestätigen nämlich einen solchen Zusammenhang

(z.B. für Rückenschmerzen, Cheung et al. 2009, Hancock et al. 2012,2017, MacGregor et al. 2004, de Schepper et al. 2010, Brinjikji et al. 2015), Hancock et al. 2017);

z.B. für Kniebeschwerden, Neogi et al. 2009 ).

Aber….

Diese Studien zeigen, dass patho-anatomische Faktoren und Befunde keine Schmerzen verursachen müssen,

 

und sie zeigen, dass pathoanatomische Faktoren und Befunde EIN Treiber für Schmerz und Funktionsverluste sein können, aber häufig nicht DIE ALLEINIGEN sind.

 

 

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