Dinosaurier sollten aussterben

Dinosaurier sollten aussterben

Ein amüsantes Statement von Adam Meakins zu den Themen alte Weltbilder, Biomechanik und Gurutum

im Online- Forum des British Journal of Sports Medicine (BJSM Online First, published on August 3, 2015 as 10.1136/bjsports-2015-095282E).

Die Dinos unter uns sorgen für Chaos und Verwirrung

Der Hollywood- Streifen Jurassic World handelt im Allgemeinen davon, wie eine Spezies in unserer Zeit wiederauftaucht und nun Chaos und Verwirrung stiftet. Leider scheint es so, dass diese Hollywoodfantansie im Moment in der Physiotherapiewelt Realität ist. Die Dinos sind unter uns. Und sorgen für Verwirrung.

Die Dinos, die ich meine, sind die Ikonen. Die Einflussreichen und zum heldenhaften Vorbild erkorenen Therapeuten und Forscher. Die, die trotz des neuen Zeitalters des Schmerzverständnisses mit zunehmender Evidenz des biopsychosozialen Modells immer noch standhaft verweigern ihre Methoden oder ihr Verständnis in Bezug auf diese neuen Hintergründe zu reflektieren und gegebenenfalls anzupassen. Sie machen behäbig weiter mit ihren Steinzeit- Assessmentmethoden, promoten ihre Steinzeit-Behandlungen und werden nicht müde ihre Steinzeit-Kurse anzubieten.

Viel mehr als Biomechanik

Obwohl sie sehr wohl das von allen Disziplinen geforderte Lippenbekenntnis zu einem biopsychosozialen Ansatz geben, haben sie überhaupt kein Interesse daran diesen Ansatz voranzutreiben. Und diesen selbst umsetzen, wollen sie schon gar nicht. Ihr Interersse besteht eher in Schlangenölbehandlungen, dem Verkauf Ihrer Kurse oder ihrer Bücher. Ihre Produkte versprechen meistens schnelle Lösungen: die Reponation subluxierter ISGs, verdrehte Brustwirbel oder verklebte Faszienzüge, die Lockerung der Psoasmuskulatur oder immobiler Nieren.

Dinos beten hauptsächlich immer noch den Altar der Biomechanik und der Bewegungsnormalisierung an. Und sie machen immer weiter. Sie unterrichten die Identifikation und Korrektur von schwammigen und schwer nachzuvollziehenden Muskeldysbalancen und scheren sich nicht der immer härter werdenden Nicht- Evidenz bezüglich der Verläßlichkeit und Gültigkeit der entsprechenden Tests. Und sie ignorieren weiterhin die vielen Teilfaktoren, die bei Schmerz eine Rolle spielen (können).

Dinos sind immer noch darauf fixiert Bewegungsfehler zu korrigieren und grade zu biegen. Und sie glauben immer noch daran dass genau das fundamental wichtig ist um den Schmerz zu reduzieren. Dinos glauben, dass dieser eine Weg der richtige Weg ist. Für jeden Patienten. Dinos glauben wirklich, dass es für uns alle EINE richtige Bewegungsform gibt. Sie glauben fest daran, dass den Schlüssel zur Beschwerdefreiheit gefunden haben oder zu finden. Immer reliabel. Zu jeder Zeit.

Diese prähistorische Denkweise ignoriert die wachsende Evidenz, dass viele Schmerzen und Pathologien nur wenig mit Biomechanik  oder Bewegungsfehlern zu tun haben. Sie ignoriert die Tatsache, dass andere Faktoren mitberücksichtigt werden müssen.

Das soll jetzt nicht heißen, dass die Biomechanik nicht zu berücksichtigen ist. Natürlich gibt es manche Situationen in denen Biomechanik eine Rolle spielt. Aber eben nur manche und nicht so viele wie uns die Dinos oft glauben machen wollen.

Dem Dino die Stirn bieten

Der Dino umgibt sich selbst oft mit loyalen, unterwürfigen Verehrern. Dabei führen sie ihre Authorität von einer Position herab aus, die auf nicht hinterfragtem Status und unkritisierter Erfahrung gegründet ist. So geschieht es, dass alle Versuche sie herauszufordern oder tief zu hinterfragen zu einem entmutigenden, einschüchternden und sozial unangenehmen Erlebnis wird. Warum? Weil die Angst mitschwingt als minderwertig angesehen zu werden oder sich vor anderen lächerlich zu machen.

Das ist absolut verständlich. Denn der Dino verweist oft recht schnell auf seine Authorität, sobald jemand mutig genug ist ihn herauszufordern. Er wird schnell klarmachen, dass seine Sicht und seine Meinung als Authorität mehr Gewicht und Validität besitzt als die Ansicht derjenigen, die in niederer Position sind.

In der Wissenschaft aber gibt es keine Authoritäten. Es gibt nur Experten. Wir brauchen Experten, ihre Rolle ist unerlässlich, und die Arbeit und Anstrengung, die nötig ist um ein Experte zu werden, muss respektiert werden. Allerdings sollte klar sein, dass ein Experte per Definition jemand ist, der mehr und mehr weiß. Allerdings über immer weniger.

Experten haben die Tendenz das BIG PICTURE zu übersehen. Nicht- Experten hingegen sehen oft den Wald vor lauter Bäumen, und bringen deshalb bessere Voraussetzungen mit, wenn es darum geht weitläufigere Perspektiven einzunehmen (Bsp. Klinische Relevanz oder Anwendbarkeit). Ein Nicht- Experte zu sein sollte demnach eher ermutigen den Expertendino herauszufordern, als vor ihm kleinbei zu geben.

Uneinigkeit ist keine Respektlosigkeit

Es kann wirklich schwierig sein einem Dinosaurier gegenüber zu treten. Sie können sich wirklich erbittert und grimmig verhalten. Im Rudel streifen sie umher, greifen mit mehreren die Personen an, welche ihre Position oder ihren Status gefährden.

Eine der gewöhnlichsten Angriffstaktiken ist es den „Streitpunkt“ zu wechseln. Dinos beschweren sich oft darüber, dass sie sich durch die Art und Weise wie ein konträrer Standpunkt herübergebracht wird, angegriffen oder verletzt fühlen. Sie zeigen dann ein für sie typisches Verhaltensmuster: Sie fokussieren sich für den Rest der Diskussion lieber auf diese „Verletzung“ als auf das eigentliche Thema um das es geht. Genau das ist einer der Hauptgründe warum ein starkes Argument eines Nicht- Experten seine Kraft verlieren kann. Oftmals verlieren sich die logischen Fehler eines Dinos in einem Nebel von nichtigen Nebenaspekten.

Wir alle haben die Möglichkeit zu wählen ob wir uns angegriffen fühlen oder nicht. Klar, diese Fähigkeit variiert von Mensch zu Mensch. Allerdings kann eine persönliche Verletzung durch eine andere Meinung oder Sichtweis niemals als wirkliches Argument in der fachlichen Diskussion gelten.

Das Ende einer Ära

Dinosaurier sollten ausgestorben sein. Viele halten sich aber furchtbar wacker. Vor allem helfen ihnen die veralteten Traditionen, die es schwer machen Authoritäten anzugreifen. Dinosaurier überleben, weil zu viele von uns Angst oder Widerwillen haben oder es einfach müde sind, Kritik an den alten, bereits oft diskutierten und überholten Arbeitsweisen auszuüben.

Um das nocheinmal klarzustellen: nicht alle von unseren verehrten Ikonen sind Dinosaurier. Es gibt viele hocherfahrene Alphatherapeuten und – Forscher, welche Vorschlägen, Kommentaren und kritischen Auseinandersetzungen offen gegenüber stehen. Leute, die bescheiden und ehrenhaft sind. Leute, die nicht darauf bestehen von oben herab Anordnungen zu geben wie etwas gemacht werden soll. Interressant dabei ist: gerade diese Ikonen scheinen keine innige Liebesbeziehung mit der Biomechanik zu führen.

Es ist nun an der Zeit die Ära der Dinosaurier zu beenden. Das Chaos und die Verwirrung, die sie mit ihren an den Haaren herbeigezogenen, ungestützten und unprüfbaren Methoden veranstalten. Der einzige Weg, der zu diesem Ziel führt: mehr und mehr von uns müssen aus unserer Apathie herauskommen. Wir müssen unsere Angst vor Auseinandersetzung überwinden und uns vorbereiten. Diese Spezies der trägen Dinos müssen wir mit Fragen und Kritik herauszufordern. Kontinuierlich, standhaft und respektvoll.

(Freie Übersetzung von Tobias Horel)

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