Entzündung: akut vs. chronisch- ein Überblick

Entzündung: akut vs. chronisch- ein Überblick

  • Eine Entzündung ist die angeborene Immunantwort auf schädliche Reize wie Krankheitserreger, Verletzungen und Stoffwechselstress. Die letztendlich intendierte Funktion der Entzündung ist in jedem Fall die Wiederherstellung des optimalen homöostatischen Zustands aller Körpermechanismen.18,36
  • Schädigende Einflüsse können belebter und unbelebter Natur sein und aus der Umwelt stammen oder im Organismus selbst durch Ab- und Umbauprozesse sowie durch fehlerhafte Lebensvorgänge entstehen.1
  • Da sich kein Lebewesen solchen Belastungen entziehen kann, werden Entzündungs-mechanismen zeitlebens beansprucht und sind eine wesentliche Basis der Gesundheit.

Die 3 Erscheinungsformen der Entzündung

  1. Akut
  2. Chronisch-lokal
  3. Chronisch-systemisch

 

  1. Akute Entzündung: Ohne Entzündung keine Heilung
  • Physiologisch ist eine akute Entzündung durch eine Vielzahl räumlich stark kompartimentierter und zeitlich begrenzter Prozesse gekennzeichnet. Der Vorgang wird reguliert durch komplexe Interaktionen von:
    • Entzündungszellen
    • Immunzellen
    • Chemischen Botenstoffen (Regulatoren, Inhibitoren, Aktivatoren)
  • Sie ist symptomatisch gekennzeichnet durch Rötung (Rubor), Schwellung (Tumor), Empfindlichkeit und Schmerz (Dolor), erhöhte Temperatur (Calor) und Funktionsverlust (Functio laesa), die durch
    • die initiale Ischämie,
    • die nachfolgende Hyperämie,
    • die Steigerung der Gefäßpermeabilität,
    • die Exsudation in das betroffene Gewebe
    • und die Einwanderung von neutrophilen Granulozyten, Makrophagen und Lymphozyten verursacht werden. 1,2,3,6
  • Diese anfängliche Entzündungsreaktion ist entscheidend für den gesamten Heilungsprozess. Wenn sie nicht das erreicht, was sie erreichen soll oder wenn sie nicht abebbt, kann keine normale Heilung stattfinden.20,57

Aber was ist der Zweck einer Entzündung? Warum müssen wir Schmerz empfinden? Schmerzen sind unerlässlich, um unseren Körper darauf aufmerksam zu machen, dass etwas nicht in Ordnung ist: er lässt uns wissen, dass ein bestimmtes Körperteil zusätzliche Beachtung benötigt.

Die anderen drei Faktoren (Hitze, Rötung und Schwellung) sind ebenso wichtig, weil sie das Immunsystem in Aktion treten lassen. Die Ausdehnung der Kapillaren und der erhöhte Blutfluss bringen die Immunzellen, wie Neutrophile und Monozyten, in das betroffene Gebiet.

Diese Immunzellen sind unsere „inneren Krieger“. Sie sind die Kämpfer, die uns vor den Erregern der Entzündung schützen, wie zum Beispiel dem Grippevirus, das Halsschmerzen verursacht, oder Bakterien, die versuchen, durch eine Wunde in der Haut in den Körper einzudringen.

Diese Schutzfunktion der Entzündung wurde, obwohl sie uns jetzt sehr klar ist, erst im 19. Jahrhundert erkannt, als ein russischer Zoologe namens Elie Metchnikoff die Meinung vertrat, dass Entzündungen eher schützend als schädlich sein könnten.25

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine akute Entzündung eine Reaktion unseres Körpers, angetrieben vom Immunsystem, auf potenziell schädliche Einflüsse ist. Eine solche Entzündung ist prinzipiell gut und notwendig für die Erhaltung unserer Gesundheit.

 Aber…. wenn eine Entzündung eine protektive Reaktion ist, warum versuchen wir sie dann manchmal zu reduzieren?

Wie bereits erläutert, werden dank des erhöhten Blutflusses Zellen des Immunsystems in das betroffene Gebiet gebracht. Die frühesten Zellen, die dort ankommen, sind die Neutrophilen, eine Art weiße Blutkörperchen, die im Inneren kleine Vesikel enthalten, die mit Schutzfaktoren wie antibakteriellen Proteinen oder Enzymen gefüllt sind, die beim Abbau von infektiösen Organismen oder Gewebeschäden helfen können. Die Neutrophilen setzen diese Faktoren dann in den entzündeten Bereich frei, um das infizierende Virus oder die Bakterien zu neutralisieren.

Wenn jedoch zu viele dieser Faktoren gleichzeitig von den Neutrophilen freigesetzt werden, verursachen diese Faktoren selbst wieder Schäden im Körper. In diesen Fällen kann eine zu starke Entzündung gefährlich werden.

Hier können entzündungshemmende Maßnahmen Sinn machen, um damit eine überschießende Entzündungsreaktion zu kontrollieren. Ziel ist hier nicht, die Entzündung vollständig zu stoppen, sondern die Vorteile gegenüber den potenziell möglichen Kollateralschäden zu balancieren.12,25,20, 22,36

 

  1. Chronisch-lokale Entzündung

Die pro-inflammatorischen Mechanismen, die für die Schutzreaktion einer Entzündung sorgen, werden dabei AKTIV reguliert. 10-17 Eine Entzündung läuft also NICHT einfach passiv aus. Diese Mechanismen werden jetzt weltweit sehr intensiv unter dem Begriff der ENTZÜNDUNGSAUFLÖSUNG (Resolution) untersucht, einem wissenschaftlichen Gebiet, das offiziell im Jahr 2007 mit einem manifestartigen  Review begründet wurde.17, 16

Diese „pro-resolving Factors“ namens „Resolvine, Melanocortine, Annexin A1 und Protectine,6,25 u.a.  haben die Aufgabe, die Wiederherstellung von geschädigtem Gewebe nach der Verletzung einzuleiten. Während des „pro-inflammatorischen Kampfes“ können viele Zellen und Bakterien absterben und müssen aus dem betroffenen Bereich entfernt werden, und das beschädigte Gewebe muss repariert werden. Dabei  erzeugen sie keine Kollateralschäden, da sie nicht direkt am „Kampf“ selbst beteiligt sind, sondern an der Säuberung und Reparatur (z.B. über M2-Makrophagen), sobald die Gefahr vorüber ist.13,25

In einem Zustand der Immun-Fitness ist die Entzündungsreaktion – wie beschrieben – zeitlich und räumlich begrenzt und darauf programmiert, sich aufzulösen, d.h. vom infizierten oder verletzten Zustand in einen „gesunden“ Zustand zurückzukehren, der dem des vorentzündeten Gewebes entspricht.

 

  1. Geringgradige („low grade“) systemische Entzündung, Syn.: Metaflammation, Parainflammation

Eine geringgradige Entzündung ist keine Folge einer Gewebeverletzung oder Infektion, die klassischen Entzündungszeichen von Celsus werden nicht gefunden und die CRP-Werte sind im Vergleich zu denen, die eine akute Entzündung nach einer Gewebeverletzung oder Infektion begleiten, nur minimal erhöht. Solche bescheidenen CRP-Erhöhungen (zwischen 3 und 10 mg/L) finden sich bei etwa 30% der amerikanischen Bevölkerung.26, 36

 

Eine niedriggradige Entzündung wird  mit einer erstaunlichen Anzahl von Erkrankungen und Lebensgewohnheiten in Verbindung gebracht, die allesamt mit einem schlechten Gesundheitszustand assoziiert sind; diese Erkrankungen repräsentieren oder spiegeln METABOLISCHEN STRESS wider (es bedarf also keiner Gewebeschädigung). Die lange (hier nur teilweise zitierte) Liste36  umfasst die Exposition gegenüber umweltbedingten Reizstoffen wie Zigaretten, Passivrauchen, Schlafentzug, geringe körperliche Aktivität, Vorhofflimmern, Bluthochdruck, niedriges Geburtsgewicht, lumbaler Bandscheibenvorfall, Kognitionsstörungen, geringe Greifkraft, polyzystisches Ovarsyndrom, Leben in großer Höhe26,27, Prähypertonie28, obstruktive Schlafapnoe29, prämenstruelle Symptome30, eine große Vielfalt ungesunder Ernährungsgewohnheiten31, Hypoxie32, soziale Isolation 33,34, Ehelosigkeit35 und Alterung.37,38

 

Was heißt das für das Entzündungsmanagement

  1. Eine akute Entzündung ist eine primär sinnvolle und adaptive Reaktion. Eine antiinflammatorische Behandlung ist folglich nur bei einer überschießenden Reaktion sinnvoll. (vgl. nächste Slide oben)
  2. Verschiedene Krankheitsbilder sind außerhalb eines akuten Traumas von einer chronisch lokalen Entzündung z.B. Tendinopathie45-47, Osteoarthrose39,48, Diskopathien40-41, rheumatische Erkrankungen49 etc. …und einer chronisch systemischen Entzündung (Osteoarthrose43,51.52,39,58, Rheuma49,  Rückenschmerz53,54,  Tendinopathie47,55) gekennzeichnet.  Wichtig ist hier auch zu wissen, dass sich lokale und systemische Entzündungsprozesse gegenseitig triggern können.39, 42,43
  3. Der entscheidende neue Schwerpunkt in der Behandlung dieser chronischen Entzündungen könnte primär die Optimierung des Resolutionsprozesses der Entzündung (s. nächste Slide25) und eine Reduktion des Gewebe- (lokal, z.B. durch Belastungsmanagement, Training) und metabolischen Stresses (systemisch, Management von Lebensstilfaktoren, s. Slide 15) darstellen.

 

 

Quellen

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