Führen Beinlängenunterschiede zu Rückenschmerzen?

Führen Beinlängenunterschiede zu Rückenschmerzen?

Führen Beinlängenunterschiede zu Rückenschmerzen?

  • Beinlängenunterschiede werden häufig als Ursache für Rückenschmerzen angeführt. Die vorherrschende Theorie ist, dass ein Beckenschiefstand und eine kompensatorische oder funktionelle Skoliose zu asymmetrischen Belastungen der Bandscheiben und Facettengelenke der unteren LWS führten soll. Diese Abnormalitäten führen, so die Theorie, zu mechanischen Rückenschmerzen und/oder einer Ischialgie aufgrund einer Foramenstenose durch Bandscheibenvorfälle oder –vorwölbungen (Friberg et al. 1983, Froh et al. 1986). Des Weiteren soll eine langfristige Veränderung der spinalen Biomechanik degenerative Veränderungen der Bandscheiben und permanenten Veränderung der Wirbelsäule bedingen. (Giles et al. 1982, Wiltse et al. 1972).
  • Man unterscheidet: 1. anatomische Beinlängenunterschiede, die sich ergeben, falls eine messbare Differenz der Länge der Knochen (Becken-, Oberschenkel-, Unterschenkel-und Fußknochen ) feststellbar ist. Diese Unterschiede in der Knochenlänge werden weiter eingeteilt in: Unterschiede, die das Bein verlängern und Unterschiede, die das Bein verkürzen. Angeborene Wachstumsstörungen, Knochen- oder Gelenkentzündungen, Frakturen oder Dysfunktionen der Wachstumsfugen können zu Verkürzungen der unteren Extremität führen. Verlängerungen der Extremität sind auch möglich, jedoch viel seltener (z.B. Hemihypertrophie). 2. funktionelle Beinlängenunterschiede, die dann bestehen, wenn die Beine anatomisch gleich lang sind. Dann führen andere Ursachen zu einem Beinlängenunterschied, wie z.B. eine Skoliose der Wirbelsäule. Dadurch erscheint ein Bein länger oder kürzer als das andere. Andere Ursachen für funktionelle Beinlängenunterschiede werden durch Hyperpronation, Kniefehlstellungen (X- oder O- Beine) oder vielleicht sogar durch Weichteilkontrakturen erklärt.
  • Der Goldstandard für die Messung von Beinlängenunterschieden ist nach wie vor das Röntgen (Sabharwal et al. 2008). Die Messung mit einem Maßband im Liegen ist ungenauer als das Röntgen, jedoch kann auch hier von einer verlässlichen Methode gesprochen werden (Sabharwal et al. 2008, Neelly et al. 2013, Jamaluddin et al. 2011).
  • Beinlängenunterschiede (von bis zu 10 mm) sind sehr häufig und werden mit 65-90 % (von bis zu 10mm) (O’Brien et al. 2010) oder sogar bei 90% (von bis zu 5,2 mm) (Knutson 2005a ) der Bevölkerung angegeben. Daran zeigt sich schon, dass Beinlängenunterschiede in diesen Größenordnungen gut vom Körper kompensiert werden und eher keine Ursache von Rückenschmerzen darstellen (Knutson 2005a ). Unterschiede von über 20 mm werden von einigen Autoren als relevant angesehen und können unter Umständen behandlungsbedürftig sein (Knutson 2005a). Jedoch gibt es keine Belege dafür, dass dies tatsächlich so ist.
  • Weitere Studien, die einen Zusammenhang zwischen Rückenschmerzen und Beinlängendifferenzen untersucht haben, kommen sowohl zu positiven (Gofton 1985, Friberg1983, Giles et al. 1981, Rannisto et al. 2015) als auch negativen (Fann, 2002, Grundy et al 1984, Papaioannou et al. 1982, Soukka et al. 1991, Hellsing 1988, Nourbakhsh 2002, Nadler et al. 1998) Ergebnissen.
  • Prospektive Studien bestätigen jedoch keinen Zusammenhang (Soukka et al. 1991, Hellsing 1988, Nadler et al. 1998 ).
  • Bis dato haben zwei RCT die Effektivität von Schuheinlagen, die eine durch ultraschallbestätigte Beinlängendifferenz ausgleichen, untersucht (Rannisto et al. 2019, Defrin et al. 2019). Dabei wurden normale Schuheinlagen bzw. keine Intervention als Kontrollgruppe verwendet. Die Beinlängendifferenzen lagen zwischen durchschnittlich 5.1 mm – 9 mm. In beiden Studien kam es zu einer statistisch signifikanten Verringerung der Schmerzintensität, aber zu keiner statistisch signifikanten Verbesserung der funktionellen Einschränkungen (RMDQ; ODI). Jedoch sind die Stichproben relativ klein n = 42 und n = 33 und die Präzision der Schätzung ist niedrig. Des Weiteren haben die Studien ein hohes Verzerrungsrisiko (ROB Tool 2.0). Eine Vorteilhaftigkeit von Schuheinlagen lässt sich bis dato nicht abschätzen.

 

Fazit

Beinlängenunterschiede scheinen in den meisten Fällen keine Ursache für Rückenschmerzen zu sein.

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