Stellungnahme zur Stellungnahme von Liebscher und Bracht

Stellungnahme zur Stellungnahme von Liebscher und Bracht

Als öffentliche Kritiker von Liebscher und Brachti ii iii iv, neben einigen anderenv vi vii, möchten wir gerne die Gelegenheit wahrnehmen und uns zur Stellungnahme von Liebscher und Brachtviii äußern. Im Folgenden werden Zitate aus der Stellungnahme von Liebscher und Bracht in kursiv gesetzt.

Liebscher und Bracht eröffnen ihre Stellungnahme mit dem folgendem Statement an alle Kritiker:

Lasst uns gemeinsam die vielfältigen Möglichkeiten zur Heilung von Menschen nutzen!“

Leider passt diese Aussage nicht mit der Aussage in ihrem Buch die Arthroselüge zusammen. Dort schreiben sie: „Gerade was die Schmerzen angeht, sind die nicht medikamentösen Therapien [PT, Osteopathie, etc.] meist relativ unwirksam und deswegen für viele Patienten frustrierend. Viele unserer Patienten sind völlig verblüfft, wenn ihre Schmerzen schon nach der ersten Behandlung mit unserer Akuttherapie Osteopressur massiv reduziert oder sogar ganz verschwunden sind.”ix Als besonders versöhnlich erscheint uns diese Aussage nicht. Im Endeffekt bleibt so nur die Therapie nach Liebscher und Bracht als wirksame Therapie übrig.

All diejenigen, bei denen unsere Dehn- und Bewegungsübungen sowie unsere Osteopressur tatsächlich keine Verbesserung der Schmerzen bewirken konnten,haben schließlich immer noch die Wahl, eine Operation machen zu lassen oder Schmerzmittel zu nehmen. Denn während eine Operation einen nicht mehr rückgängig zu machenden Eingriff in den Körper darstellt und Medikamente ihre Nebenwirkungen mit sich bringen, verhält sich das bei unseren Übungen anders.“

Es ist interessant, dass Liebscher und Bracht hier nur die Wahl zwischen der Therapie von Liebscher und Bracht und Operationen und Schmerzmittel zu lassen. Dass es schon ausreichende Evidenz für physiotherapeutische Bewegungstherapie für diverse Krankheitsbilder, wie z.B. chronische Rückenschmerzenx xi xii, Knie- und Hüftarthrosexiii und Fibromyalgiexiv xv xvi gibt, wird einfach ausgeblendet. Sollte man deshalb lieber auf eine Therapie setzen, die vollkommenen unbelegt ist und sich nur durch ihr Marketing hervortut?

Das gestehen sogar unsere Kritiker ein, wie der Orthopäde Bernhard Waibl in einem großen kritischen Artikel: „Wenn eine Therapie dem Patienten nicht schadet, sollte man auf eine Vorverurteilung verzichten.““

Das Problem an dieser Aussage ist aber, dass es keine Nachweise einer Unbedenklichkeit der Therapie von Liebscher und Bracht gibt. Das bezieht sich insbesondere auf die Osteopressur nach Liebscher und Bracht. Eine schmerzhafte Behandlung, wie die Osteopressur nach Liebscher und Bracht, kann „als beitragender Faktor für die Entwicklung oder Aufrechterhaltung einer zentralen Sensibilisierung infrage kommen.“xvii Das ist gerade bei chronischen Schmerzpatienten eine Vermutung, die sich als zutreffend erweisen könnte. Des Weiteren werden von Liebscher und Bracht Behauptungen aufgestellt, die negative Auswirkungen auf Patienten haben könnten. Diese Behauptungen (Bandscheiben können platzen, verkürzte Muskeln führen zu Schmerzen, etc.) haben wir schon an anderer Stelle widerlegt.xviii Jedoch ist es wichtig daraufhinzuweisen, dass solche Aussagen zu falschen Vorstellung des Patienten beitragen können und negative Folgen i.S. Einer Chronifizierung der Beschwerden haben können.xix

Aber kann ich das alles glauben, wenn es noch keine große Studie gibt, welche die Evidenz der Liebscher & Bracht-Therapie beweist?“, werden einige jetzt vielleicht sagen. „Eventuell ist ja alles nur ein Placebo-Effekt!“ Wir wissen, dass das positive Ergebnis unserer Wirksamkeitsstudie an der Sporthochschule Köln nur ein erster Schritt zur Evaluation unseres Therapieansatzes ist. Wir arbeiten längst daran, eine große, placebo-kontrollierte Studie zu ermöglichen. Natürlich steht es jedem absolut frei, bis dahin abzuwarten, doch auch hier sei die Frage erlaubt: Was gibt es bis dahin eigentlich zu verlieren?“

Denn selbst wenn die Studie zu dem Ergebnis kommen würde, dass der Erfolg unserer Therapie nur auf einen Placebo-Effekt zurückzuführen wäre: Wäre das so schlimm für die Patienten, die trotzdem ihre Schmerzen losgeworden und um eine Operation herumgekommen sind?“

Wie weiter oben schon dargestellt, gibt es einige Dinge zu verlieren, wenn man sich entscheidet die Therapie von Liebscher und Bracht durchzuführen:

  1. Geld; Liebscher und Bracht stellen es in diesem Artikel so dar, dass die Therapie kein Geld kosten würde.
  2. Möglichkeit von Nebenwirkungen; gerade bei chronischen Schmerzpatienten kann eine schmerzhafte Therapie ein falscher Ansatz sein.
  3. Fehlinformationen können zu Chronifizierungsprozessen beitragen.
  4. Wirksame Therapie werden wohl möglich nicht oder erst später durchgeführt.
  5. Enttäuschung, wenn die Therapie nach Liebscher Bracht nicht die versprochenen Erfolge erfüllt.

Folgende Punkte sollte man bedenken…

Vorübergehende Verbesserungen beweisen keine langfristige Heilung. Eine klinisch relevante Verbesserung kann man aus der Patientenperspektive mit PROMs (Patient Reported Outcome Measures) bestimmen, wird allerdings quasi nie gemacht. Heilung und Verbesserung sind ohne konkrete Messung eine Worthülse.xx xxi

Wenn sich Patienten mit persistierenden Beschwerden kurzzeitig verbessern, sagt das nichts über langfristige und nachhaltige Effekte ausxxii , die für dieses Klientel entscheidend sindxxiii. Viele Akutpatienten werden auch ohne Therapie gut.xxiv Eine Verbesserung solcher Patienten in der Praxis – egal durch welche Maßnahmen -beweist nichts und Therapien, die kurzzeitig helfen, können langfristig schaden.xxv

Selbst wenn eine bestimmte Therapie „funktioniert“, rechtfertigt das noch lange nicht ihren Einsatz. Andere Therapie können einfach effektiver (mehr bringen) und effizienter sein (weniger kosten, den Patienten und das Gesundheitssystem,xxvi bzw. ein besseres Nebenwirkungsprofil aufweisen. Wenn jemand eine Placebo-Therapie rechtfertig („schade ja nichts“), dann blockiert er damit evtl. den Weg zu einer besseren Therapie und schadet genau dadurch.

Wenn wir das Management von Patienten verbessern wollen, dann müssen wir wissen, warum Therapien überhaupt wirken und welche potenziellen Nebenwirkungen sie aufweisen. Wir müssen die spezifischen und unspezifischen Wirkmechanismen dahinter kennen, um unsere Behandlung zu optimieren. Deshalb ist es überhaupt nicht egal, warum Dinge funktionieren. Fortschritte werden wir nur durch ein besseres Verständnis der Zusammenhänge machen.xxvii

Wir möchten, dass eine solche Studie so unabhängig und professionell wie möglich durchgeführt wird, damit es im Nachhinein keinen Zweifel am Ergebnis geben kann. Doch genau hier liegt die Schwierigkeit: Es gibt viele Anbieter — darunter auch Kritiker wie „Evidenzbasierte Physiotherapie“ oder „Physio meets Science“, mit denen wir in Gesprächen waren –, die gerne eine Studie durchführen würden und diese auch kritisch einfordern, aber nur, wenn wir sie dafür bezahlen.“xxviii

Die von Physio Meets Science und Liebscher Bracht angedachte Studie sollte von Liebscher und Bracht finanziert werden, jedoch sollte die Planung, Durchführung und Auswertung der Studie von der Universität Heidelberg unabhängig durchgeführt werden. Dass sich dadurch Resultate verfälschen,  wäre uns neu.

 

 

Literatur

ix Bracht, Dr. med. Petra; Liebscher-Bracht, Roland. Die Arthrose-Lüge: Warum die meisten Menschen völlig umsonst leiden – und was Sie dagegen tun können – Mit dem sensationellen Selbsthilfe-Programm – (German Edition) Goldmann Verlag. Kindle-Version. (S.97)

x Qaseem A, Wilt TJ, McLean RM, et al. Noninvasive treatments for acute, subacute, and chronic low back pain: a clinical practice guideline from the American College of physicians. Ann Intern Med 2017;166:514–30.

xi National Institute for Health and Care Excellence. Low back pain and sciatica in over 16s: assessment and management (NG59) [online] 2016. Available: https://www. nice. org. uk/ guidance/ ng59 [Aufgerufen 30.05. 2019].

xii Stochkendahl MJ, Kjaer P, Hartvigsen J, et al. National clinical guidelines for non-surgical treatment of patients with recent onset low back pain or lumbar radiculopathy. Eur Spine J 2018;27:60–75.

xiii Kraus, VIRGINIA B., et al. „Effects of Physical Activity in Knee and Hip Osteoarthritis: A Systematic Umbrella Review.“ Medicine and science in sports and exercise 51.6 (2019): 1324-1339.

xiv Bidonde, J., et al. „Mixed exercise training for adults with fibromyalgia.“ The Cochrane database of systematic reviews 5 (2019): CD013340-CD013340,

xv Bidonde, Julia, et al. „Aquatic exercise training for fibromyalgia.“ Cochrane Database of Systematic Reviews 10 (2014).

xvi Bidonde, Julia, et al. „Aerobic exercise training for adults with fibromyalgia.“ Cochrane Database of Systematic Reviews 6 (2017).

xvii Thalhamer, Christoph. „Kritische Betrachtung des Fasziendistorsionsmodells.“ manuelletherapie 23.02 (2019): 81-89.

xix Darlow, Ben, et al. „The enduring impact of what clinicians say to people with low back pain.“ The Annals of Family Medicine 11.6 (2013): 527-534.

xx Mintken, Paul E., Jason Rodeghero, and Joshua A. Cleland. „Manual therapists-Have you lost that loving feeling?!.“ (2018): 53-54.

xxi Kyte, D. G., et al. „An introduction to patient-reported outcome measures (PROMs) in physiotherapy.“ Physiotherapy 101.2 (2015): 119-125.

xxii Axén, Iben, and Charlotte Leboeuf-Yde. „“Typical” chiropractic patients–can they be described in terms of recovery patterns?.“ Chiropractic & manual therapies 25.1 (2017): 23.

xxiii Lewis, Jeremy, and Peter O’sullivan. „Is it time to reframe how we care for people with non-traumatic musculoskeletal pain?.“ (2018): 1543-1544.

xxvi Bove, Allyn M., et al. „Exercise, manual therapy, and booster sessions in knee osteoarthritis: cost-effectiveness analysis from a multicenter randomized controlled trial.“ Physical therapy 98.1 (2017): 16-27.

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