Psychoneuroimmunologie (PNI) für Physios (Teil 1- Basics)

Psychoneuroimmunologie (PNI) für Physios (Teil 1- Basics)

Wir Physios kennen uns aus!

Mit Muskeln und Knochen schon immer. Seit „biopsychosozial“ auch mit Therapiezugängen, die mehr das „Big Picture“ inkl. Lebensstil und – Umstände des jeweiligen Menschen berücksichtigen. Daraus leiten wir bestenfalls Interventionen ab, die den Menschen nachhaltig auf dem Weg zu einer eigenverantwortlichen Gesundheitskompetenz unterstützen sollen. So interessieren wir uns für „Explain Pain“, „graded exposure/activity“, „Motivierender Gesprächsführung“, „Progressive Trainingstherapie“ usw…

Mehrere Male habe ich auch Unterhaltungen von Kollgegen bei Veranstaltungen und auf unserem Facebook-Blog über PNI (Psychoneuroimmunologie) verfolgt. Einige haben das Zusammenspiel von zentralem Nervensystem, Imunsystem und endokrinologischem System also bereits auf dem Schirm. Meine Frage an euch: „In welcher Form berücksichtigt ihr das bei der praktischen Arbeit in der Therapie? Lasst es mich wissen!“

pni

 

Für alle, die sich noch nicht so sehr damit auseinandergesetzt haben, bietet Leslie Alford mit einem Artikel in der Physiotherapy (2006) einen guten Einstieg. Los geht`s!

Nachdem man im letzten Jahrtausend herausgefunden hat, dass pychologische Faktoren eine große Bedeutung für die Ätiologie und den Verlauf bestimmter Erkrankungen spielen (Masek et al., 2000), entwickelte sich das Forschungsfeld weiter und man verwarf einige vorherige Annahmen. Die funktionelle Autonomie des Imunsystems war eine davon (Ader et al. 1995) Das Imunsystem arbeitet nicht für sich alleine, sondern steht mit dem Gehirn in Wechselwirkung. Das heißt es wird durch zentralnervösen Einfluss moduliert und ein Stück weit kontrolliert. Dieser Ablauf findet auch rückwärts statt. Durch Kommunikation mit dem Gehirn beeinflußt das Imunsystem  dessen Prozesse. Das Endergebnis: Eine Wechselwirkung mit gegenseitiger Einflußnahme dieser beiden Systeme. (Kiecolt-Glaser et al., 2002) .

Interessant: bis 2005 fand Alford bei einer Datenbankrecherche (MEDLINE, AMED, EMBASE, CINAHL) keinerlei Literatur über PNI in der Physiotherapie.

Zeit, dass wir das ändern. Um zu verstehen, was PNI für unsere Arbeit nutzen kann, ersteinmal einige Basics mit Ausflug in die Physiologie.

Das Gehirn hat 2 Hauptsysteme um auf das Imunsystem einzuwirken: indirekt durch Neuroendokrinen Outflow (Hormone) über die Hypophyse und direkt über Sympathisch/Parasympathische Fasern (Elenkov et al., 2005).

Ahrends et al, der Schmerz, 2005

HPA3

 

 

Ein großer Einfluß des ersten Systems besitzt die HPA- Achse (Hypothalamus- Hypophysen- Nebennierenrinde). Man findet in der Literatur zum Thema Stress so einiges darüber und weiß, dass diese Achse durch eine vielzahl von Stimuli aktiviert werden kann. Auch durch Gedanken und Emotionen. Hypothalamus sendet an die Hypophyse über neuronale oder vaskuläre Verbindungen. Durch Stimulation des Hypophysenvorderlappens kommt es zur Ausscheidung von Propriomelancortin, das sich aufteilt zu ACTH (Adrenocorticotropin) und Betaendorphin. ACTH zirkuliert im Blutkreislauf bis es den Cortex der Nebennierenrinde erreicht, was zur Ausschüttung von Glucocortikoiden (Cortisol) und Mineralocorticoiden (Aldosterone) führt (Padgett et al.,2003) .

Das zweite System ist das SAM (sympathetic-adrenal-medullary, Sympathikus- Nebennierenrinde-Achse, Elenkov et al,2005) Sympathikus stimuliert die Nebennierenrinde was zur Ausschüttung von Katecholaminen (Adrenalin, Norasrenalin) führt (Padgett et al.,2003).

Über die kombinierte Nutzung dieser beiden Systeme  ist das Gehirn dazu in der Lage in verschiedenen Bereichen Einfluß auf das Imunsystem zu übernehmen:

Anzahl der im Blut zirkulierenden Leucozyten, Mitogenetisch-lymphozytische Imunantwort, Antikörperproduktion, Cytokinproduktion und die Balance von zellulärer und humoraler Imunität (Rabin, 2005)

Zellen des Immunsystems nutzen Cytocine als Messengermoleküle zur Kommunikation untereinander und mit Zellen anderer Systeme, wie zum Beispiel dem Neuronalen (Schiepers et al., 2005) Die experimentelle Erhöhung des Cytokinlevels im Blutkreislauf kann zu einer großen Veränderung in verschiedenen behavioralen und biologischen Antworten führen, die sonst eigentlich nur über das Gehirn laufen können (Kelley, 2004) Das bedeutet, dass das Imunsystem auch fähig ist mit dem ZNS zu kommunizieren und seine Funktion zu beeinflussen.

big picture

Was hat das alles mit Physiotherapie zu tun?

Kronfol&Remick (2000) schreiben, dass die Neurowissenschaft und  und die Imunologie die zwei Felder in der medizinischen Forschung sind, die am schnellsten wachsen. Und beide Disziplinen vereint die PNI in sich. Erkenntnisse aus diesem Feld liefern wichtige Beiträge für die Psychiatre, Onkologie, Rheumatologie, Arbeitsmedizin, ua. Sie liefert neue Zugangswege in der Therapie vieler Erkrankungen (Watkins& Maier, 2005, Kop, 2003,Cleare, 2004)

Für uns Physiotherapeuten kann PNI helfen die Ursachen aus den Ergebnissen biopsychozozialer Assessments und Behandlungsparadigmen zu erklären. Ein Beispiel: „Effekt von Stress auf Wundheilung“.

Und damit geht weiter das nächste Mal im 2. Teil.

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