RÄTSELHAFTER  M. OSGOOD SCHLATTER (OSD)

RÄTSELHAFTER M. OSGOOD SCHLATTER (OSD)

Was man weiß…

Ungefähr 6-7% der jugendlichen Bevölkerung sind (mit unterschiedlicher Häufigkeit) von patellofemoralen Schmerzen betroffen Moolgard et al. 2011, Rathleff et al. 2015) betroffen, während etwa 10% an der Osgood-Schlatter-Krankheit (OSD) (de Lucena et al. 2011) leiden. Trotz der hohen Prävalenz gibt es nur wenige Informationen über deren Auswirkungen und die damit assoziierten Defizite bei Jugendlichen (Rathleff et al. 2020).

 

Morbus Osgood Schlatter ist eine Apophysitis der Tuberositas tibiae und betrifft vor allem sportlich sehr aktive Jugendliche (Rathleff et al. 2020).

 

Die Apophyse (Wachstumsfuge) ist der Ansatzpunkt der Patellarsehne in den Knochen und könnte empfindlich gegenüber hoher Belastung vor Abschluss der Reifung sein.

 

M. Osgood Schlatter ist charakterisiert durch lokalisierten Schmerz und Schwellung der Tuberositas tibiae.

 

Die Auswirkung auf den Patienten umfassen eine eingeschränkte Kraft, Schnellkraft und Funktion der unteren Extremität, was zu einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität führt. (Kaya et al. 2013, Rathleff et al. 2019, Rathleff et al. 2020)

 

Was man dachte, zu wissen…

Früher dachte man, dass M. Osgood Schlatter durch repetitive Belastung, die Traktion an der Patellasehne verursacht, entsteht.

 

Trotz der Entdeckung der Erkrankung seit über 100 Jahren gibt es kaum Studien, die physische Aktivität und ihre Rolle als Risikofaktor für M. Osgood Schlatter untersucht haben.

 

Viele sehr aktive Sportler bekommen nie einen M. Osgood Schlatter, trotz hoher Belastung in Kombination mit wenig Erholung.

Eine Zeit lang wurde der Schmerz des Osgood Schlatter durch die Fragmentation des sekundären Ossifikationszentrums erklärt. Jedoch wird dies in Frage gestellt. Studien mit bildgebenden Verfahren beschreiben Schleimbeutelentzündungen und Veränderung der Patellasehne. Dies deutet auf Weichteilveränderungen als Schmerzursache hin. (Rosenberg et al. 1992)

Was man dachte, was richtig ist…was aber nicht ganz richtig ist…

Übersichtsarbeiten und medizinische Quellen stellen traditionellerweise fest, dass ein M. Osgood Schlatter nach 12-18 Monaten in 90% der Fälle selbstständig ausheilt. Dies soll aufgrund des Verschlusses der Wachstumsfugen und der Ossifikation der Tuberositas tibiae erfolgen.

 

Was man dachte, was richtig ist…was aber nicht ganz richtig ist

 

In einer Befragung von Gesundheitsdienstleistern wird von der Mehrheit angegeben, dass Patienten mit M. Osgood Schlatter nach 6 Monaten wieder schmerzfrei Sport treiben können. (Lyng et al. 2019) Das erscheint jedoch unplausibel, da es eine Vielzahl an Fallstudien gibt, die sich mit den langfristigen, negativen Auswirkung von M. Osgood Schlatter beschäftigen.

 

Die bestehende Evidenz spricht dafür, dass die obige Einschätzung unter Umständen zu optimistisch sein könnte:

 

Eine Studie mit einem 9-jährigen Follow-up zeigt, dass 25% der Patienten mit M. Osgood Schlatter noch Symptome aufweisen. (Krause et al. 1990)

 

Eine weitere retrospektive Studie dokumentiert, dass 60% der Patienten mit M. Osgood Schlatter nach einem Median von 4 Jahren nach Diagnosestellung immer noch Schmerzen angeben; die meisten davon berichten täglich über Schmerzen. (Guldhammer et al. 2019)

 

Patienten mit persistierendem M. Osgood Schlatter zeigen eine reduzierte Sporttauglichkeit und eine geringere gesundheitsbezogene Lebensqualität, auch nach 2 Jahren Follow-up (Kaya et al. 2013), bzw. starke funktionelle Einschränkungen. (Ross et al. 2003)

 

Wie man jetzt vorgehen sollte…

Patienten mit Osgood Schlatter wird häufig empfohlen, eine Abwarte-Strategie zu wählen (Empfehlung von 25% der Gesundheitsdienstleister) oder ihre sportlichen Aktivitäten zu beenden bzw. stark zu vermindern (Lyng et al. 2019), obwohl keine dieser Optionen evidenzbasiert ist. (Cairns et al. 2018)

 

Mit diesem Ansatz ist es jedoch unwahrscheinlich, einen positiven Einfluss auf die großen Einschränkungen in den Bereichen Kraft und Funktion zu erreichen, die bei Patienten mit M. Osgood Schlatter beobachtet werden. (Kaya et al. 2013, Rathleff et al. 2019, Rathleff et al. 2020)

 

Ohne hochqualitative Evidenz besteht momentan große Unsicherheit bzgl. der optimalen Versorgung (Cairns et al. 2018).

 

Zumindest sollten wir als Gesundheitsdienstleister nicht annehmen, dass die Beschwerden der Patienten selbstlimitierend sind!

 

Da eine anhaltende Überlastung als Risikofaktor für die Entwicklung von OSD (Hall et al. 2015) angesehen wird, erscheint es sinnvoll, dass der Hauptpfeiler der Behandlung eine Form des Belastungsmanagements beinhaltet (Cairns et al. 2018). Diese Art der Behandlung könnte eine Edukation umfassen, bei der Jugendliche und ihre Eltern dazu angehalten werden, das Training und die Belastung (einschließlich der Erholung) auf der Grundlage der Symptome zu modifizieren, was jedoch noch in klinischen Studien untersucht werden muss.

 

Quelle

Holden
Rathleff (2019) Separating the myths from facts:
time to take another look at Osgood Schlatter ‘disease’

TO TOP
error: Content is protected !!
X