Schmerzedukation zum Scheitern verurteilt …

Schmerzedukation zum Scheitern verurteilt …

… wenn die Relevanz fehlt!?

In einem tollen Paper führen Robinson und Kollegen vor Augen, wie leicht wir als Verfechter moderner Physiotherapie mit ausgeprägtem Interesse an Schmerzedukation leicht scheitern können. Denn im Hype um Explain Pain neigt man schnell dazu die Edukationsbrille auf- aber nicht mehr abzusetzen. Zusätzlich kann es vorkommen, dass man vergißt über den (Brillen-) Rand hinweg zu sehen. Das erinnert an Maslows Hammer: „Wenn dein einziges Werkzeug ein Hammer ist, ist es doch erstaunlich, wie viele Dinge plötzlich wie Nägel aussehen.“

Was wurde untersucht?

Die Autoren wollten wissen in welcher Form sich eine 2 Stunden Gruppensession „Schmerzedukation“ (10 Personen) auf die Teilnehmer auswirken kann. Dazu führten sie nach 2 Wochen halbstrukturierte Interviews mit den Probanden durch. Die gestellten Fragen findet ihr in den Folien unten.

Im Wesentlichen gab es 3 übergeordnete Themen, auf welche die Patienten in den Interviews zu sprechen kamen: 1. Relevanz (der Edukation) für die eigene Situation 2. Benefit durch die Edukationseinheit  3. Rekonzeptionalisierung des eigenen Schmerzverständnisses

Im Ergebnis zeigt sich, dass 8 von 10 Patienten die Edukationseinheit als relevant für sich eingestuft und direkt davon profitiert haben. Sie haben ihr Verständnis von Schmerz ausgebaut, ihre Schmerzsituation aus anderen Perspektiven betrachtet, haben Überzeugungen teilweise verworfen und neue aufgebaut. Eine Rekonzeptionalisierung fand statt.

Soweit so gut. Interessant sind aber vor allem die Aussagen der 2 Personen, die nicht von der Edukation profitiert haben. Sie haben ihr Verständnis von Schmerzkonzept nicht überarbeitet und erhielten keinen Mehrwert. Warum?

Die Autoren gehen davon aus, dass die Relevanz der Edukation aus Perspektive dieser beiden Teilnehmer für die eigene Situation nicht gegeben war: „Ich habe ja schon alles ausprobiert, was da erzählt wurde.“ und „Ich will wissen, was da in meinem Rücken kaputt ist und den Schmerz verursacht“. Wenn ich an mich selbst und früheren Mathematikuntericht denke: Warum sollte ich etwas gut finden (Scherzedukation, Integralrechnung) oder etwas tun (Training, Hausaufgaben) wenn es für mich bedeutungslos erscheint?! So unlogisch scheint die Reaktion der beiden Personen also nicht zu sein.

Für uns als Therapeuten ist das eine halbe Ermahnung! Bevor wir von „schwierigen Patienten“ sprechen die „beratungsresistent“ gegenüber Edukation oder Ratschlägen sind, gilt es eventuell ersteinmal die Edukationisbrille abzusetzen und die empfundene RELEVANZ (Bedeutung der Information) und der anschließenden Intervention abzuklopfen. Und zwar aus der Perspektive des Patienten. Nicht aus der eigenen. Wir finden Schmerzedukation und Training ja gut. Sind eben die die Streber aus der Oberstufe 😉

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