Sechs Gründe, warum unsere Therapien effektiver erscheinen, als sie sind.

Ineffektive und teilweise aberwitzige Behandlungsmethoden haben eine lange Tradition in der Menschheitsgeschichte. Wurzelheilungen, Chakren neu sortieren oder literweise Blut ablassen: Einige von diesen Methoden endeten häufig tödlich. Dennoch wurden sie lange Zeit praktiziert, bis sie irgendwann glücklicherweise widerlegt werden konnten.

Dieser Trend ist heute noch ungebrochen, wenn nicht sogar über die letzten Jahre verstärkt. Evidenzbasierte Medizin scheint „uncool“ im besten Fall, „gefährlich“ oder das Subjekt von Verschwörungstheorien in den schlimmeren Fällen. Immer mehr Patienten suchen Heilung in alternativen und komplementärmedizinischen Methoden – und finden dort sogar Besserung, obwohl niemals ein biologisch messbarer Nutzen nachgewiesen werden konnte.

Woran mag das liegen? Steve Hartmann hat im Journal „Chiropractic & Osteopathy“ einen kontroversen Artikel unter dem Titel: „Why do ineffective Treatments seem helpful? A brief review“ veröffentlicht.

Der folgende Artikel ist in Zustimmung mit und auf Basis seines Artikels geschrieben. Der Fulltext ist im Anhang.

1) Natürlicher Heilungsverlauf:

Der Mensch ist kein mechanisches System, sondern ein biologisches. Der entscheidende Unterschied zwischen beiden? Während mechanische Systeme sich im Rahmen eines Schadens nur verschlechtern können, nehmen biologische Systeme zwar schaden, passen sich aber in der Folge an eben diese Schädigung an und werden sogar stärker! Ähnliches gilt auch für unsere Verletzungen und Schmerzen. In aller Regel heilen sie bis zu einem gewissen Grad aus, mit oder ohne Behandlung.

2) Regression zur Mitte:

Statistisch betrachtet treten Patienten üblicherweise dann mit Klinikern in Kontakt, wenn ihre Symptome am stärksten sind (Peak Wert). Auf einer Bevölkerungsebene betrachtet verteilen sich die Symptome aber um einen statistischen Mittelwert. Zu diesem Mittelwert bewegen sich die Symptome typischer Weise bei folgende Messzeitpunkten hin zurück. „In der Sportwelt der USA kennt man den „Fluch der Sports Illustrated“ und den „Madden-Fluch“: Ein Sportler zeigt verschlechterte Leistungen, nachdem er auf dem Titel dieses Magazins/des Spiels abgebildet wurde. Der Grund, warum sie das Titelblatt zieren, sind oft herausragende Leistungen, denen natürlicherweise eher mittelmäßige Leistungen folgen.“ (Wikipedia)

3) Placebo Effekt:

Sekundäre Therapieeinflüsse können das Outcome stark verändern. So auch der Placeboeffekt. Diese Einflüsse werden aber häufig übersehen oder verleugnet und das Ergebnis stattdessen der (fehlerhaften) Wirkungshypothese attributiert. Korrelation bedeutet nicht Kausalität.

4) Confirmation Bias:

Eine Form der kognitiven Verzerrung. Wir nehmen Informationen auf, filtern sie und verzerren sie teilweise, so dass sie am besten unseren Erwartungen entsprechen. Passende Informationen werden stärker gewichtet, unpassende Informationen werden gemieden oder vergessen. So ergibt sich ein Gesamtbild, dass unserer Ergebniserwartung entspricht, selbst wenn dieser Fall nicht eingetreten ist. Im Patienten entsteht dieser Bestätigungsfehler durch die Ergebniserwartung und Hoffnung auf Hilfe. Im Praktiker entsteht er häufig durch die Schulung in bestimmten Denkmodellen und den festen Glauben an deren Korrektheit. Um die entstehende kognitive Dissonanz eines Behandlungsscheiterns zu vermeiden werden die gegebenen Informationen lieber so gewichtet, dass ein Behandlungserfolg zum Ergebnis steht.

Wer hat sie nicht 80% Erfolgsquote bei allen Patienten? Schon mal daran gedacht ein Langzeit-Follow Up zu machen? Wir müssen uns und unsere Ergebnisse permanent hinterfragen!

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5) Persönliche Evaluation anstelle valider Messmethoden

Dieser Fehler begünstigt Confirmation Bias. Für viele Krankheitsbilder gibt es validierte Messinstrumente um einen Behandlungsfortschritt zu dokumentieren und messbar zu machen (z.B. den Best Test im Gleichgewichtstraining, WOMAC bei Hüftathrose, ODI und FABQ). Wenn wir diese Instrumente nicht verwenden begeben wir uns in Gefahr unser Behandlungsergebnis zu verzerren, indem wir nur das sehen, was wir sehen wollen. Werdet nicht Opfer von Confirmation Bias – Setzt Scores und Retests von Messwerten ein!

6) Unsere Patienten mögen uns

Und möchten uns nicht durch unser Versagen das Herz brechen. Patienten lügen gelegentlich, aus welchen Gründen auch immer. Manchmal verschiebt sich auch ihre Wahrnehmung auf ein bestimmtes Problem oder ihre Lebensumstände ändern sich. Solche Faktoren können Einflüsse auf das Behandlungsergebnis haben und auf die Art, wie Patienten davon berichten. Je mehr wir unsere Messungen objektivieren können, desto sicherer können wir uns unserer Erfolge sein.