Stress-Diathese-Modell des Schmerzes

Stress-Diathese-Modell des Schmerzes

Stress-Diathese-Modell des Schmerzes

 

Asmundson und Wright (2004) beschreiben in ihrem Stress-Diathese-Modell (siehe Abb.)  die Auswirkungen einer schmerzhaften Erkrankung (Stress) in Bezug auf die Person und ihre sozialen Aktivitäten, wobei das Modell berücksichtigt, ob das Individuum für zusätzliche Komorbiditäten anfällig ist (Diathese).

 

Ein wesentlicher Teil des Stress-Diathese-Modells ist die Frage der Schmerzbeurteilung. Die Schmerzbeurteilung bezieht sich auf die Bedeutung, die dem Schmerz von einer Person zugeschrieben wird (Sharp und Harvey, 2001). Hier lässt sich zwischen der primären Schmerzbeurteilung im Sinne einer bedrohlichen, gutartigen oder irrelevanten Schmerzbewertung und einer sekundären Beurteilung, die die Kontrollierbarkeit von Schmerzen und die eigenen Bewältigungsressourcen einschätzt, unterscheiden.

 

Die primäre Beurteilung einer Bedrohung oder eines Schadens ist ein Indikator für einen Stressor. Daher ist der durch das Stress-Diathese-Modell als bedrohlich beschriebene Schmerz von Natur aus belastend. Das Ausmaß der Belastung hängt von den anderen Faktoren wie der Vulnerabilität, den sozialen und kulturellen Einflüsse und den wahrgenommenen Coping-Ressourcen ab.

 

Nehmen wir ein Beispiel eines männlichen Patienten mittleren Alters mit einer Ischialgie. Er bewertet seine Schmerzen mit 8/10 beim Sitzen und 4/10 beim Gehen oder Stehen. Er hat nach einer Operation vor einigen Jahren mehrere Interventionen versucht, darunter Physiotherapie und Injektionen, mit insgesamt bescheidenen Ergebnissen. Obwohl dies für ihn sehr beunruhigend ist, hat er Wege gefunden, mit seinen Schmerzen umzugehen und seine Aktivitäten fortzusetzen, die ihm wichtig sind, z.B  Zeit mit seinen Enkelkindern zu verbringen und zu arbeiten. Sein Arbeitsumfeld ist flexibel, da er wählen kann, wann er sich bewegen muss, wobei er seinen Zeitplan und seine Aktivitäten selbst bestimmen kann. Er hat seine Aktivitäten mit den Enkelkindern reduziert, genießt aber seine Zeit mit der Familie. Nach allem, was wir wissen, hat dieser Herr ein geringes Angst- und Vermeidungsverhalten und ein gutes Narrativ in den Aspekten des biopsychosozialen Modells wie es Waddell beschrieben hat. Im Rahmen der Stress-Diathese nimmt er seinen Schmerz nicht als signifikante Belastung wahr (Bewertung) und hat einen soziokulturellen Kontext, der seinem Schmerzniveau entgegenkommt und somit zu einem geringen Grad an Behinderung beiträgt.

 

Das Stress-Diathese-Rahmenwerk kann helfen, komplexere Situationen zu erklären.

 

Nehmen wir einen anderen Patienten, ebenfalls männlich und mittleren Alters, mit Schmerzen im unteren Rückenbereich von gleicher Intensität. Auch dieser Patient hat viele Interventionen ausprobiert, darunter Physiotherapie, Injektionen und Operationen. Dieser Patient arbeitet in einem Büro, das ihn dazu zwingt, die meiste Zeit am Computer oder am Telefon zu verbringen, mit wenigen Pausen. Sein Leben zu Hause ist auf die Genesung seiner Frau von einer Brustkrebsoperation und seinen Sohnes ausgerichtet, der gerne mit ihm in der bergigen Umgebung wandern und Rad fahren möchte. Er empfindet seinen Schmerz als beeinträchtigend, sich bei der Arbeit zu konzentrieren, im Hinblick auf die Beziehung zu seiner Frau und den Aktivitäten mit seinem Sohn. Er fühlt sich eingeschränkt und frustriert, dass er nicht die Person sein kann, die er sein möchte. Dies sind Beispiele dafür, wie die sozialen und kulturellen Kontexte die Schmerzwahrnehmung des Patienten beeinflussen und zur Behinderung beitragen. Außerdem hat dieser Patient schon einmal ein Gefühl der Hilflosigkeit erlebt – nach seiner ersten Rückenoperation vor 15 Jahren, nach seiner Entlassung aus dem Militär und nach einem Herzinfarkt seines Vaters. Diese Erfahrungen machen ihn anfällig dafür, seinen Rückenschmerz als sehr behindernd wahrzunehmen und tragen wahrscheinlich zur Aufrechterhaltung seines anhaltenden Schmerzzustandes bei. Im Stress-Diathese-Modell können wir erwarten, dass Patienten mit hoher Vulnerabilität, psychischem Stress, geringer Selbstwirksamkeit und/oder komplexen sozialen/kulturellen Situationen vermehrt Schmerzen und höhere Behinderungsgrade haben werden. Um die Behinderung (und die Schmerzen) zu minimieren, ist es wichtig, dass Kliniker die Einflüsse der sozialen/kulturellen Erfahrungen und der Vulnerabilität verstehen und erkennen. Praktische Ansätze im Screening und der Therapie auf der Grundlage des Stress-Diathese-Modells sind in der Abbildung farbig eingefügt.

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