Training ist Medizin: Evidenz für die Verschreibung von Training in der Therapie von 26 Erkrankungen

Training ist Medizin: Evidenz für die Verschreibung von Training in der Therapie von 26 Erkrankungen

1. Depression

Aufgrund der geringen Evidenz können keine spezifischen Empfehlungen bezüglich der Art des Trainings gegeben werden. Es ist wichtig, einen Rahmen zu schaffen, in dem Patienten mit psychischen Erkrankungen in Übereinstimmung mit den allgemeinen Bewegungs Empfehlungen trainieren können. Der Trend geht jedoch dahin, dass mehr Einheiten einen größeren Effekt auf Depressionen haben als eine geringere Anzahl von Sitzungen. Darüber hinaus könnten Widerstandstraining und gemischtes Training wirksamer sein als Ausdauertraining.

 

2. Angst

Das Trainingsprogramm muss individuell gestaltet werden, wobei eine Supervision von Vorteil ist. Die Erfahrung stammt weitgehend aus dem Bereich des Ausdauertrainings. Das Training wird am besten in kleinen Gruppen durchgeführt. Empfohlen wird, mit Ausdauertraining geringer Intensität zu beginnen und kontinuierlich bis zu einer moderaten Intensität zu steigern; dabei sollte die Dauer allmählich verlängert werden 2 .

 

3. Stress

Das Trainingsprogramm muss individuell gestaltet werden und sollte beaufsichtigt sein. Beinhalten sollte es Ausdauertraining, das mit einer niedrigen Intensität begonnen und allmählich bis zu einer moderaten Intensität gesteigert wird. Auch die Dauer des Trainings sollte stetig zunehmen. Es gibt keine Hinweise darauf, dass das Training bei einer bestimmten Intensität wirkungsvoller als bei einer anderen ist. Das Ausdauertraining kann Walking/Laufen, Radfahren oder Schwimmen umfassen.

 

4. Schizophrenie

Das Trainingsprogramm muss individualisiert werden, eine Supervision ist von Vorteil. Die Erfahrungen stammen weitgehend aus dem Bereich des Ausdauertrainings. Das Training findet am besten in kleinen Gruppen statt. Es wird empfohlen, mit Ausdauertraining niedriger Intensität zu beginnen und allmählich auf eine moderate Intensität zu steigern, wobei die Dauer allmählich verlängert werden sollte. Erwachsene mit Schizophrenie, die abnehmen möchten, sollten anstreben, mindestens 1 Stunde pro Tagkörperlich aktiv zu sein. Viele Patienten würden sicher auch von Krafttraining profitieren, wobei nur begrenzte Evidenz für diese Art von Training vorliegt.

 

5. Demenz

Laut einem Cochrane Review gibt es vielversprechende Hinweise darauf, dass Übungsprogramme einen signifikanten Einfluss auf die Verbesserung der Leistungsfähigkeit im Alltag und möglicherweise auf die Verbesserung der Kognition bei Menschen mit Demenz haben können, obwohl bei der Interpretation eine gewisse Vorsicht geboten ist (Forbes et al . 2015 ). Das Training sollte individualisiert, beaufsichtigt und so gestaltet werden, dass Gang, Gleichgewicht und Funktionsfähigkeit erhalten bleiben.

 

6. Parkinson Erkrankung

Das Training sollte auf den Einzelnen zugeschnitten sein und hängt vom Stadium der Erkrankung ab. Die Patienten sollten sich idealerweise einem Übungsprogramm unterziehen, das Fitness und Krafttraining sowie ein Balance und Koordinationstraining umfasst. Eine auditive Rhythmus Stimulation kann eingesetzt werden, um eine höhere Ganggeschwindigkeit zu stimulieren. Empfehlenswert ist ein Ausdauertraining auf einem Laufband mit der notwendigen Unterstützung, beginnend mit einer Intensität, mit der der Patient zurechtkommt, mit einer allmählichen Erhöhung der Trainingsdauer auf 10 Minuten und anschließender allmählicher Erhöhung der Intensität. Die Patienten sollten ermutigt werden , ein Gleichgewichts und Muskelkrafttraining durchzuführen.

 

7. Multiple Sklerose

Das Trainingsprogramm muss individuell gestaltet werden und hängt vom Stadium der Erkrankung ab. Zu Beginn sollte das Programm überwacht werden, wobei eine Kombination aus Fitness und Muskeltraining in
frühen Stadien und bei Patienten mit leichten bis mittelschweren Defiziten empfohlen wird. Viele Patienten erleben eine Verschlimmerung der Symptome während des Trainings; dies ist jedoch ein vorübergehendes
Phänomen (Uhthoff Phänom) und stellt daher keine „Gefahr“ dar, weshalb der Patient ermutigt werden sollte, das Programm fortzusetzen (Smith et al . 2006). Da eine Reihe von Patienten unter Temperaturempfindlichkeit leidet, ist es wichtig, dafür zu sorgen, dass sie sich während des Trainings abkühlen.

 

8. Übergewicht

Zur Gewichtsabnahme wird ein großes Volumen mäßig intensiver Ausdaueraktivität empfohlen, vorzugsweise in Kombination mit Krafttraining. Da die körperliche Fitness einen unabhängigen Einfluss auf die Prävention von Krankheiten im Zusammenhang mit Adipositas hat, wird empfohlen, moderate körperliche Aktivität mit Aktivitäten zu kombinieren, die die Fitness in Form von hochintensiver körperlicher Betätigung aufbauen. Das Ziel ist mindestens 60 Minuten mäßig intensiver körperlicher Aktivität täglich. Viele übergewichtige und adipöse Patienten haben gleichzeitig Bluthochdruck oder eine symptomatische ischämische Herz Kreislauf Erkrankung. Folglich müssen die Empfehlungen individualisiert werden.

 

9. Hyperlipidämie

Stichhaltige Evidenz zeigt, dass körperliches Training einen großen Umfang haben sollte, gemessen an der zurückgelegten Distanz oder dem Energieverbrauch. Es gibt Belege für eine Wirkung sowohl für Ausdauertraining als auch für Widerstandstraining. Wenn leichte bis mäßig intensive körperliche Aktivität bevorzugt wird, ist es notwendig, doppelt so lange zu trainieren wie bei hochintensiver körperlicher Aktivität. Viele Patienten mit
Hyperlipidämie haben Bluthochdruck oder eine symptomatische ischämische Herzerkrankung.

 

10. Metabolisches Syndrom

Sowohl Widerstands als auch Ausdauertraining können als wirksame Behandlungen für Menschen mit metabolischem Syndrom empfohlen
werden. Eine Meta Analyse umfasste 12 Studien (n = 626) und kam zu dem Schluss, dass, obwohl Unterschiede in einigen Parametern der diabetischen Kontrolle und Messungen der körperlichen Fitness zwischen Krafttrainings und Ausdauergruppen statistische Signifikanz erreichten, es keine Belege dafür gibt, dass sie von klinischer Bedeutung sind (Yang et al., 2014). Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass sich Krafttraining in seiner Wirkung auf kardiovaskuläre Risikomarker oder bzgl. seiner Sicherheit von Ausdauertraining unterscheidet. Die Anwendung einer spezifischen Übungsform scheint bei Typ 2 Diabetes weniger wichtig zu sein als die körperliche Aktivität per se.

 

11. Polyzystisches Ovar Syndrom (PCOS)

Das Training sollte den allgemeinen Empfehlungen folgen. Wenn die Patientin abnehmen möchte, wird ein Minimum von 60 Minuten körperlicher Aktivität pro Tag empfohlen. Da man davon ausgeht, dass
Frauen mit PCOS ein erheblich höheres Risiko haben, Typ 2 Diabetes und Herz Kreislauf Erkrankungen zu entwickeln, sollten Frauen mit PCOS ü ber das allgemein empfohlene Maß hinaus körperlich aktiv sein.

 

12. und 13. Diabetes Typ 1 und Typ 2

In diesem Zusammenhang konnte gezeigt werden, dass Intervall Gehtraining die glykämische Kontrolle bei T2DM Probanden im Vergleich zu einem kontinuierlichen Gehtraining mit selbem Energieverbrauch günstiger verbessert (Karstoft et al . 2013 , 2014). Eine Anpassung des Trainingsprogrammes an eine Insulintherapie und die Ernährung sollte ggf. vorgenommen werden. Mögliche diabetische
Komplikationen (z.B. diabetische Neuropathie) müssen in der Trainingsplanung berücksichtigt werden. Ausdauertraining und Widerstandstraining sind beide von Vorteil; eine Kombination aus beiden ist jedoch wohl die optimale Trainingsform für Menschen mit Typ 2 Diabetes (Church et al . 2010 ). Es gibt auch Hinweise darauf, dass hochintensives Training die glykämische Kontrolle stärker verbessert als niedrigintensives Training (Church et al . 2010).

 

14. Schlaganfall

Das Trainingsprogramm sollte unbedingt individualisiert werden. Ein kombiniertes leitlinienbasiertes Trainingsprogramm bestehend aus Ausdauer und Krafttraining verbessert die Mobilität, Gehgeschwindigkeit und den Behinderungsgrad von Schlaganfallpatienten . Pogrebnoy & Dennett 2019, Saunders et al. 2020)

 

15. Arterielle Hypertonie

Alle Patienten mit Bluthochdruck (sowohl diejenigen, die medizinisch behandelt werden, als auch diejenigen, die nicht behandelt werden) profitieren von körperlichem Training, das entweder in Form von Ausdauertraining, dynamischem Krafttraining oder isometrischem Training erfolgen sollte.

 

16. Koronare Herzerkrankung

Initial ist die empfohlene Methode zur Bewertung der körperlichen Leistungsfähigkeit ein symptombegrenzter Belastungstest. Ausdauertraining über 20 60 min., 3 5x die Woche mit 50 80% der Maximalleistung sind anzustreben. Das Ausdauertraining sollte vermutlich durch Krafttraining unterstützt werden; die Trainingsintensität ist zu erhöhe n , wenn die Trainingskapazität des Patienten zunimmt.

 

17. Herzinsuffizienz

Viele Studien haben einen positiven Effekt eines Intervalltrainings nachgewiesen, der möglicherweise größer ist als der von moderatem kontinuierlichen Ausdauertraining Wisloff et al . 2007). Die Patienten können
mit Intervalltraining beginnen, wobei sie mit einer niedrigen Trainingskapazität starten sollten, um allmählich Dauer, Häufigkeit und Intensität zu erhöhen (2001c). Es gibt keine Belege dafür, dass die Kombination von Ausdauer und Krafttraining bessere oder schlechtere Ergebnisse erzielt als Ausdauertraining alleine (Haykowsky et al . 2007)

 

18. Periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK)

Die überwiegende Mehrheit der Studien bewertet den Effekt von Gehprogrammen. Supervidierte Programme sind hier wohl von Vorteil. Eine Integration von Krafttraining als
Zusatzmaßnahme (z.B. für Kraftsteigerung, Sturzprävention) wird empfohlen, allerdings nicht als Ersatz für das Gehprogramm. (Parmenter et al. 2020)

19. COPD

Alle Patienten mit COPD, insbesondere die schwereren Fälle, profitieren von körperlichem Training. Zunächst muss das Training beaufsichtigt werden, individuell zugeschnitten sein und eine Kombination aus Ausdauer und Krafttraining beinhalten. Das Ausdauertraining sollte bei 70 85% der VO2max zu Fuß oder mit dem Rad erfolgen (Morgan et al . 2001). Ein beaufsichtigtes Training über 7 Wochen brachte bessere Ergebnisse in Bezug auf eine Reihe von Atmungsparametern als ein 4 Wochen Programm (Green et al. 2001).

 

20. Asthma bronchiale

Das Trainingsprogramm muss individuell zugeschnitten sein und sollte in erster Linie aus Ausdauertraining von mittlerer bis hoher Intensität bestehen, z.B. Laufen, Radfahren, Ballsport oder Schwimmen. Einige Patienten profitieren von einer lokalen Behandlung mit Beta 2 Agonisten oder Leukotrien Antagonisten 10 20 Minuten vor dem Training ( Tan & Spector 2002). Ein Aufwärmen bei geringer Intensität für etwa 15 min ist ebenfalls von Vorteil. Die Empfehlung für Personen, die unfit sind, ist, mit einem Training bei niedriger Intensität zu beginnen, um es dann allmählich bis zu moderater Intensität zu steigern; auch die Dauer der körperlichen Aktivität sollte allmählich erhöht werden. Nach 1 2 Monaten sollte das Training an mindestens 3 Tagen pro Woche durchgeführt werden.

 

21. Zystische Fibrose

Das körperliche Training sollte individuell zugeschnitten und beaufsichtigt werden und Ausdauer sowie Krafttraining umfassen (Wilkes et al . 2009; Karila et al . 2010).

 

22. Osteoporose

Es gibt Hinweise darauf, dass körperliche Belastung im Kindesalter Osteoporose vorbeugt. Belege gibt es auch dafür, dass Ausdauertraining unter Gewichtsbelastung einen positiven Effekt auf die Knochendichte
(BMD) hat, was auch für Krafttraining bzgl. der BMD dargestellt werden konnte. Im Fall von Patienten mit rheumatoider Arthritis konnte man feststellen, dass intensives körperliches Training allein keine Wirkung auf die BMD hat. Es gibt eindeutige Evidenz dafür, dass kombiniertes Kraft und Gleichgewichtstraining das Risiko von Stürzen und Frakturen reduziert. Körperliche Aktivität sollte daher im Idealfall eine Kombination aus Ausdauertraining, vorzugsweise mit Gewichtsbelastung, und Krafttraining beinhalten. Bei älteren Patienten sollte der Schwerpunkt auf Krafttraining und Gleichgewichtstraining, z.B. Tai Chi, liegen. Das Training sollte zu Beginn beaufsichtigt werden und in Gruppen stattfinden.

 

23. Gelenkarthrose

Eine umfangreiche Anzahl von Studien zeigt, dass körperliches Training die allgemeine Funktionsfähigkeit im täglichen Leben verbessert und zu weniger Schmerzen führt. Es muss betont werden, dass Osteoarthrose Patienten als Gruppe heterogen sind. Trainingsprogramme für Arthrose Patienten sollten zunächst individualisiert und beaufsichtigt werden und sich entweder auf die Verbesserung der aeroben Kapazität, der Muskelkraft des Quadrizeps oder der funktionellen Leistung konzentrieren. Im Laufe der Zeit kann das beaufsichtigte Training auf ein Selbsttraining mit wenig oder gelegentlicher Nachkontrolle durch einen Fachmann umgestellt werden. Das Training muss sich nicht unbedingt auf das betroffene Gelenk fokussieren.

 

24. Krebs

Zu Beginn sollte das Training individuell zugeschnitten und beaufsichtigt werden. Es sollte idealerweise sowohl Ausdauer als auch Widerstandstraining umfassen. Patienten profitieren von einer Mischung aus moderatem
und hochintensivem Ausdauertraining kombiniert mit Widerstandstraining. Das Ausdauertraining sollte wie auch das Krafttraining mit einer niedrigen Intensität beginnen und allmählich auf moderate und schließlich hohe Intensität gesteigert werden, wobei gleichzeitig die Dauer des Trainings allmählich verlängert werden sollte. Die Trainingsinhalte müssen entsprechend der individuellen Zielgrößen (z.B. Beeinflussung von Fatigue) definiert werden; dabei sind relative und absolute Kontraindikationen zu beachten.

 

25. Rückenschmerz

Verschiedene Arten des Trainings werden bei Rückenschmerzpatienten empfohlen, wobei es keine Evidenz dafür gibt , das s eine Trainingsform einer anderen überlegen ist (Saragiotto et al 2016, Versorgungsleitlinie
„Nicht spezifischer Kreuzschmerz“ 2017). So gibt es z.B. zahlreiche Belege für die Wirkung eines dynamischen Rückentrainings, aber es gibt ebenfalls Hinweise darauf, dass ein dynamisches Rückentraining nicht unbedingt besser ist als beispielsweise Ausdauer –(Mannion et al. 1999) oder McKenzie Übungen (Petersen et al. 2002).

 

26. Rheumatoide Arthritis (RA)

Alle Patienten mit RA, sowohl Patienten mit kürzlich diagnostizierter RA als auch Patienten mit einer langen Vorgeschichte, profitieren von
körperlichem Training. Das Training sollte idealerweise beaufsichtigt werden, auf den einzelnen Patienten zugeschnitten sein und mäßig bis hochintensives Ausdauertraining sowie Krafttraining aller großen Muskelgruppen umfassen. Das Training sollte individuell adaptiert werden (z.B. Übungen mit bzw. ohne Gewichtsbelastung).

 

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