Was hat die Schmerzwissenschaft der Physiotherapie gebracht?

Was hat die Schmerzwissenschaft der Physiotherapie gebracht?

3 Kernkonzepte, die das Verständnis von Schmerz in der PT

 wesentlich verändert haben

1. Schmerz ist kein Signal aus einem Körper-gewebe. Vielmehr ist Schmerz eine unumgängliche perzeptuelle Erfahrung auf der Grundlage eines scheinbaren Bedarfs, das Gewebe vor Schaden zu schützen.
2. Schmerz ist kein genaues Maß für einen Gewebeschaden.
3. Die Plastizität des Nervensystems bedeutet, dass das Nervensystem selbst ein viables Behandlungsziel darstellt.

Clinical Reasoning: Was trägt zu diesem vermuteten Schutzbedarf bei?

Treiber- bzw. mechanismenbasierte Ansätze in der Befundung und Therapie sind momentan State of the art (Nijs et al. 2010, Wijma et al. 2016).  Das Verständnis, dass jeder Gedanke, jedes Gefühl und jede Interaktion mit der Umwelt mit einer chemischen Reaktion im Neuroimmunsystem in Zusammenhang steht, mit möglichen strukturellen und funktionellen Konsequenzen, erhöht die Einsicht des Klinikers und bettet das biopsychosoziale Denken wirklich in die Praxis ein.

Das Verständnis und das Verhalten des Patienten bzgl. der Schmerzen sind ein fundamentaler Bestandteil der Therapie!

Daher sind Patientenempowerment, Goalsetting, Edukation, Selbstmanagement und Graded-Strategien zentrale patientenorientierte Therapiebestandteile. Übungen werden häufig in Übereinstimmung mit den Gewebeheilungsphasen konzipiert,  nicht unbedingt auf der Grundlage von Schmerz. Bewegung wird in einem schmerzwissenschaftlichen Verständnis darüber hinaus multidimensional verstanden und nicht nur mechanisch (z.B. Verbesserung von Schlaf, Nijs et al. 2018, Verbesserung der motorischen Variabilität, antiinflammatorische Wirkung, Lima et al. 2017)

Behandlungen wirken spezifisch und über Kontextfaktoren!

Es ist inzwischen weithin anerkannt, dass jede therapeutische Interaktion einen eindeutigen, aktiven Behandlungseffekt hat, der von der Wirkung der Intervention selbst unterschieden werden muss. Diese „unspezifische -“ oder „Kontext-Reaktion“ ist ein biopsychosoziales Phänomen, das hilfreich oder schädlich sein kann und möglicherweise den stärksten Bestandteil vieler inerter Behandlungen darstellt, von denen man traditionell annahm, dass sie auf anderen, spezifischen Wirkmechanismen beruhen (Hutchinson & Moerman 2018). Beispiele hierfür sind z.B. bestimmte manuelle Techniken, Bialoski et al. 2011). Klinische Alltagsbeobachtungen  können sicher Verbesserungen aufzeigen, aber eben keine spezifischen Behandlungseffekte (Kamper 2019).  Und wenn ein Patient sich verbessert, hat man damit noch lange nicht „geheilt“ und erst recht nicht durch die Spezifität einer Intervention.

 

Quelle

Parker, R., & Madden, V. J. (2020). State of the art: What have the pain sciences brought to physiotherapy?. South African Journal of Physiotherapy, 76(1), 6.

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