Wie glaubwürdig könntet ihr Placebos anwenden?

Wie glaubwürdig könntet ihr Placebos anwenden?

Stellt euch einmal folgende Situation vor (nach einer realen Studie von Gracely et al 1985, „THE LANCET“):

Euer Leben wäre zumindest finanziell erfolgreicher verlaufen und ihr stündet jetzt nicht an der Behandlungsbank oder im Trainingsraum, sondern als Zahnarzt an einer Behandlungsliege. Als guter Zahnarzt sollte man, um etwas für sein Renommee zu tun, zumindest einmal im Leben an einer Studie teilgenommen haben. Die Studienteilnehmer sind arme Studenten, immer knapp bei Kasse, die versuchen eben diese Kasse durch die Teilnahme an Studien etwas aufzufrischen, auch wann das – wie im Fall dieser Studie – etwas schmerzhaft werden könnte.

Die Studenten sollen nämlich von euch – ihr erinnert euch, ihr seid Zahnärzte –  unter Lokalanästhesie einen Weisheitszahn gezogen bekommen. Nach dieser Prozedur erhalten die Studenten ein Medikament injiziert und jetzt kommt´s:

Das Medikament ist entweder ein potentes Schmerzmittel namens „Fentanyl“ (ein hochwirksames Opioid), eine Placeboinjektion (mit Kochsalz) oder der Opioid-Antagonist „Naloxon“, welches schmerzverstärkend und nicht narkotisierend wirkt.

Den Studenten wird exakt das mitgeteilt, dass nämlich diese „Medikamente“ zum Einsatz kommen, nur wussten sie natürlich nicht bei wem.

Die Zahnärzte (Ihr!) wussten, dass die Studenten in 2 Gruppen eingeteilt werden, die Folgendes auszeichnet:

Gruppe 1 (PN) bekommt entweder die Placeboinjektion oder das schmerzverstärkende „Naloxon“.

Gruppe 2 (PNF) dagegen wird entweder die Placeboinjektion, das schmerzverstärkende „Naloxon“ oder das Schmerzmittel „Fentanyl“ verabreicht.

 Die Studenten mussten ihren Schmerz in beiden Gruppen jeweils 10 min vor der Injektion, sowie 10 min und 1 h nach der Injektion mit der „McGill pain questionnaire“ einschätzen.

Ausgewertet wurden nur die Teilnehmer der Placeboinjektion.

Man würde jetzt erwarten, dass die Schmerzveränderung in beiden Placebogruppen gleich verläuft. Placebo ist ja schließlich Placebo, oder?

Aber nein (Folie): Irgendwie scheinen die Zahnärzte in der 1. Gruppe (PN) durch ein subtiles, vielleicht unsichereres Verhalten oder eine andere Körpergestik die analgetische Wirkung des Placebos – wie sie in Gruppe 2 (PNF) zu sehen ist –  zu reduzieren. Das Placebo wird hier förmlich zum Nocebo. Allein euer Wissen über die Wahrscheinlichkeit einer Wirkung und – davon abhängig – euer Verhalten beeinflusst also das Therapieergebnis.

Wie gut wärt ihr darin, wenn wir es auf den Bereich der Physiotherapie übertragen, eine Placebo-Behandlung, z.B. ein Placebo-Tape ober eine Placebo-Mobilisation für Patienten überzeugend durchzuführen. Wie selbstsicher und selbstwirksam könntet ihr sein, wenn ihr doch durch langjährige, kostspielige Fortbildungen, gelehrt von einem kompetent wirkenden Instructor in eine ganz anderen Richtung geprägt wäret.

Genau das gilt es in vielen placebo-kontrollierten Studien, so gut sie auch sein mögen, immer zu berücksichtigen:

Wie ist die klinische und persönliche „Equipoise“, also die Einschätzung des gesamten Studienteams bzw. der einzelnen teilnehmenden Therapeuten, dass die verwendeten Therapien in ihrer Wirksamkeit als gleichwertig anzusehen sind? (Cook & Sheets 2011, „JMMT“).

Kein Wunder also, dass z.B. die Studienergebnisse für Chiropraktik von Arbeitsgruppen aus Chiropraktikern häufig besser ausfallen als die unabhängiger Forscher-Gruppen (Singh & Ernst 2008, „Trick or Treatment“).

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